1928 – So reiste man damals von/nach Südafrika (Teil 3)

Im Jahr 1928 kehrten meine Grosseltern mit der kleinen Heidi (meiner Mutter) in die Schweiz zurück. Die Reise dauerte ca. 5 Wochen und für mich als Reiseunternehmerin ist es besonders interessant zu erfahren, wie die Menschen damals gereist sind. Eines ist sicher: Man brauchte Zeit – viel mehr Zeit zum Reisen als heute, was ich aus heutiger Sicht und als Anhängerin des Slow Travel nicht als Nachteil empfinde.

Dank der sorgfältig aufbewahrten Dokumente meines Grossvaters und meiner Tante erhalte ich einen kleinen Einblick in die Reise meiner Grosseltern von Südafrika nach Genua, den ich hier teile.

Fahrplan

Am 16. Mai 1928 begann die grosse Reise meiner Grosseltern in Durban auf dem Dampfer „Tanganjika“ der Hamburg-Amerika-Linie und endete am 20. Juni 1928 in Genua. Insgesamt waren sie 36 Tage lang auf dem Schiff.

Die gesamte Route sah so aus (7. April – 6. Juli 1928)
Hamburg-Rotterdam-Southampton-Las Palmas-Loanda-Walvisbay-Lüderitzbucht-Cape Town-Port Elisabeth-East London-Durban-Lourenço Marques-Beira-Mozambique-Porto Amelia-Daressalam-Zanzibar-Tanga-Killindini-Aden-Suez-Port Said-Genoa-Marseille-Malaga-Lisbon-Southampton-Rotterdam-Hamburg

Reiseunterlagen und Kosten

Reiseunterlagen habe ich viele. Unter anderem die Liste der Reisenden inkl. Namen der Besatzung.

Für den Reisekomfort konnte man zwischen 3 Klassen wählen. Meine Grosseltern reisten in der 2. Klasse. Wie ich aus der damaligen Preisliste entnehme, kostete die Fahrt pro Koje (per Berth) 40 Pfund ab Cape Town. Ab Durban kam es vermutlich etwas günstiger (weil kürzere Distanz nach Genoa). Gemäss der Quittung, zahlten sie für die Schiffsfahrt Durban-Genoa für zwei Erwachsene und ein Kind 118.66 Pfund.

Es ist sehr schwierig, diesen Betrag mit der Kaufkraft von heute zu vergleichen. Ich habe in google recherchiert, habe diesbezüglich nicht  viel gefunden, ausser diesen Link:
Gemäss den Infos entsprechen 118.66 Pfund (Stirling) von damals zwischen 6’500 und 20’000 Pfund von heute. Das ist natürlich eine grosse Spanne; ich finde jedoch selbst der kleinere Betrag ist ein sehr stolzer Preis für die damaligen Verhältnisse.

Handbuch für die Passagiere

Das „Passagierhandbuch“ enthält Informationen über die Reiseroute und beschreibt die „Verhaltensregeln“ (Dos and Don’ts).

Generell muss ich über den Stil des Textes schmunzeln – Deutsch, wie wir es heute nicht mehr kennen. Besonders amüsant fand ich den Text auf dem ersten Bild, mit den Gepäckbestimmungen: Es geht um Unterwäsche! Hahaha… Ich verstehe zwar was „Leibwäsche“ bedeutet,  aber ich lese dieses Wort zum ersten Mal.

Interessant sind auch die Informationen auf dem letzten Bild – nämlich die genauen Zeiten, wann welche Gäste aus welcher Klasse zum Frühstück, Mittag- und Abendessen gehen dürfen. Passagiere der 3. Klasse haben überhaupt kein Zeitfenster: Für sie wird das Frühstück pünktlich um 8 Uhr serviert. Passagiere der 2. Klasse können bis 9 Uhr frühstücken und Passagiere der 1. Klasse sogar 1/2 Stunde länger. Das Mittagessen wird den Passagieren der 3. Klasse um 12 Uhr serviert, während es für die Passagiere der 2. und 1 Klasse das „zweite Frühstück“ gibt. Ich habe in den Unterlagen gefunden, was das 1. und 2. Frühstück beinhaltet; zwar ist die Beschreibung für die 1. Klasse und ich weiss nicht, ob der Unterschied zur 2. Klasse nur in den unterschiedlichen Zeiten liegt, oder ob es auch unterschiedliche Mahlzeiten waren:

Ich kenne mich mit Schiffsreisen zwar nicht aus, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass solch strenge und feste Regeln heute noch durchführbar wären.

Die Kabinen

Das Handbuch zeigt auch die Kabinen der verschiedenen Klassen. Interessanterweise handelt es sich dabei nur um Skizzen und nicht um Fotos. Damals steckte die Fotografie noch in den Kinderschuhen und es war offensichtlich nicht möglich, die Kabinen zu fotografieren. Die verschiedenen Speise- und Aufenthaltsräume sind dagegen auf Fotos abgebildet:

Speisesaal und Salon

Speisekarte

Wie schon erwähnt, habe ich keine Erfahrung mit Kreuzfahrten und kann daher keinen Vergleich zwischen „damals und heute“ anstellen. Wenn ich mir aber diese Bilder anschaue, habe ich den Eindruck, dass es vor 90 Jahren recht angenehm war, zu reisen.

Besonders fasziniert mich der Faktor „Zeit“. Damals dauerte es mehr als 5 Wochen, um von Europa nach Südafrika zu reisen. Neben der Schiffsreise gab es auch den Landweg. Heute kann man an einem einzigen Tag von A nach B fliegen. Ich denke, das ist enorm – man kann das nicht wirklich vergleichen.

Aber manchmal denke ich, dass die heutige Geschwindigkeit nicht nur Vorteile hat, und das Internet, die sozialen Medien, Handys usw. fördern die Schnelllebigkeit um ein Vielfaches. Nicht, dass ich das verurteilen würde – im Gegenteil, ich bin auch ein Teil dieser Gesellschaft! Ich bin jedoch der Meinung, dass wir uns dessen ein wenig bewusster sein sollten: Dank des technischen Fortschritts sind viele Dinge im Leben einfacher geworden. Dabei sollten wir aber nicht uns selbst vergessen und uns die Freiheit gönnen, zu entspannen und einfach mal die Offline-Taste zu drücken!

Autoren-Profilbild

Ich teile hier meine Erfahrungen vom Leben in Kapstadt – ehrlich, persönlich und immer im Kontext. Keine platten Empfehlungen, kein Werbe-Blabla.

Teilen

Weitere Beiträge

africa, south africa, cape town, table mountain, cape town, cape town, cape town, cape town, cape town, table mountain, table mountain

Kapstadt: Traum oder Illusion?

Zum Kennenlernen: Eine ehrliche Einführung für deutschsprachige Besucher und warum das Leben am Kap mehr ist als nur Sonne und schöne Aussichten.

Vor 100 Jahren

Sende eine Nachricht

Kapstadt Insider News
direkt in dein Postfach

Praktische Tipps, Updates & echte Erfahrungen – direkt von uns. Melde dich an und bleib auf dem Laufenden!

Nach oben scrollen
Newsletter abonnieren

Unser kostenloser Newsletter wird in regelmässigen Abständen mit Tipps, aktuellen Angeboten und Inspirationen aus Kapstadt verschickt!

* Mit der Anmeldung akzeptierst du die Datenschutzerklärung.