Im 1. Teil habe ich erklärt, (oder es zumindest versucht), warum ich über meine Grosseltern schreibe, die 1922 nach Südafrika ausgewandert sind. Heute ist das Reisen und Auswandern viel einfacher und vor allem schneller. Damals, vor fast 100 Jahren, war man viel grösseren Risiken ausgesetzt. Dies ist also die Geschichte meiner Grosseltern Julia + Rudolph. Ich kenne die Details nur aus den Erzählungen meiner Mutter und ihrer jüngeren Schwester (meiner Tante).
Mein Grossvater reiste 1922 mit Julias Bruder (Dolf) nach Südafrika, damit er sich im Voraus über die Lage und den Arbeitsort informieren konnte. Natürlich war er auch auf der Suche nach einer Unterkunft. Am Tag vor seiner Abreise heirateten Rudolf und Julia. Danach begann für Daddy (so haben meine Schwester und ich meinen Großvater genannt) das Abenteuer. Leider habe ich keine Dokumente oder Informationen darüber – weder über die Reise noch über sein Leben allein in Südafrika. Aber es gibt viele Postkarten aus dieser Zeit, die er in die Schweiz geschickt hat. Für den heutigen Geschmack wirken diese Postkarten ziemlich kitschig, nicht wahr?







Frau - auswandern - allein: Verheiratet oder ledig? - Das ist hier die Frage!
Ein Jahr später reisten Mutti (so nannten wir unsere Grossmutter Julia) und Alice, die zukünftige Frau ihres Bruders Dolf ebenfalls nach Südafrika. Zwei Frauen, die 5 Wochen lang allein auf einem Schiff unterwegs waren – das war für die damalige Zeit sicher ziemlich abenteuerlich! Zuerst mussten sie nach Southampton in England reisen, dann weiter mit dem Schiff nach Durban. Von dort aus reisten sie auf dem Landweg nach Pretoria / Silverton. Die erste Panne in Südafrika ereignete sich bereits bei Ankunft, als die beiden Damen das Schiff in Durban verlassen wollten. Für Mutti war das überhaupt kein Problem – aber Alice durfte das Schiff nicht verlassen. Der Grund: Sie war nicht verheiratet! Man stelle sich so etwas heute vor! Nein – besser nicht! Dieses „Problem“ wurde aber ganz schnell und einfach gelöst: ein Pfarrer wurde an Bord bestellt und Alice und Dolf wurden noch am Tag der Ankunft auf dem Schiff getraut – wie romantisch!
Auf diesem Foto sieht man meine Grossmutter mit meiner Mutter auf der Veranda.
In Silverton bei Pretoria wohnten die zwei Paare in einem schönen, stattlichen Haus. Zu Beginn gab es noch kein elektrisches Licht. Wahrscheinlich wurde damals mit Gas beleuchtet. Jedoch bald, nachdem die beiden Frauen angekommen sind, wurden die elektrischen Kabel verlegt. Auf meine Frage, ob es denn auch an fliessendem Wasser im Haus fehlte, erhielt ich keine klare Antwort. Es wird jedoch vermutet, dass es das schon gab.
Alice und Dolf sind nicht lange in Südafrika gebliebenn. Für Alice war das Leben in Südafrika zu wenig komfortabel. Meine Grosseltern sind jedoch geblieben.
Meine Mutter hat mir erzählt, dass Daddy einmal auf die Jagd gegangen ist (Foto, links). Sie hatten einen Gorilla gejagt. Da sieht man, wie die Überlieferung mit der Zeit verzerrt wird – denn Gorillas leben nicht in Südafrika. Jedenfalls hätten sie auf den vermeintlichen Gorilla geschossen und ihn nicht richtig getroffen. Das Tier schrie wie ein Mensch und flüchtete in den Busch. Mein Grossvater war entsetzt und ging nie wieder auf die Jagd. Ich war sehr froh, das zu hören! Denn ich liebe und schätze Tiere – und ich finde es einfach widerlich, Tiere nur zum Spass zu jagen und zu töten.
Die Grossmutter sieht man hier mit einem Revolver – aber sie zielt nicht auf ein Tier, sie war im Schützenverein. Den Tropenhelm auf dem Foto habe ich noch als Erinnerungsstück.
Wie ich bereits im ersten Teil erwähnt habe, war meine Grossmutter eine zähe, entschlossene Frau. Als ich noch ein Kind war, musste sie mir ständig von ihrer Zeit in Südafrika erzählen. Sie konnte vehement über Dinge oder Umstände schimpfen. Das hat sie auch immer über die Apartheid getan. Natürlich gehörten meine Grosseltern zur „weissen Gesellschaft“ und sie führten auch ein angenehmes Leben, inklusive Mitglied im Tennisclub. Mutti hat das auch nie bestritten. Dennoch behauptete sie immer, dass diese Situation nicht „gesund“ sei und dass sie davon überzeugt war, dass es früher oder später eine Revolution oder einen Zusammenbruch geben würde. Meine Mutter behauptet, sie habe Dinge vorhersehen können. Leider hat sie das Ende der Apartheid nicht mehr miterlebt.
Links: Mutti und Daddy vorne rechts. Rechts: Daddy vorne Mitte und Mutti hinten 3. von links.
Neuer Familienzuwachs
Meine Mutter wurde 1927 in Silverton / Pretoria geboren – und es ist nur natürlich, dass sie den typischsten Schweizer Namen bekam: Heidi! 🙂
1928 reisten meine Grosseltern mit meiner Mutter zurück in die Schweiz. Mutti hatte ein „Frauenproblem“ (ich weiss nicht genau, was sie hatte, aber damals sprach man einfach nicht über solche Dinge), und sie war entschlossen, in der Schweiz ins Krankenhaus zu gehen. Der Plan war, dass sie danach zurück nach Südafrika reisen sollten – aber anscheinend hat die Zwillingsschwester meiner Grossmutter alle Hebel in Bewegung gesetzt, um sicherzustellen, dass sie nicht zurückkehren. Man sagt, dass es ein unsichtbar starkes Band zwischen Zwillingen gibt und dass sie sich besonders nahe stehen. Nun ja… ich war nicht dabei, kann also nicht zu 100 % bestätigen, ob das tatsächlich der Grund war, dass sie nicht nach Südafrika zurückgekehrt sind.
Im letzten und 3. Teil werde ich über die Schiffsreise von Südafrika nach Genua berichten. Ich habe einige Dokumente und als Reiseexpertin sind diese natürlich für mich besonders spannend.



